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Wissensgesellschaft und Gummi-Hierarchie
10 Jahre Fiegenstaller Forum: Ökonomischer Zukunfts-Crashkurs zum Festakt

Als der Festakt zum 10-jährigen Bestehen des Fiegenstaller Forums im Eichstätter Priesterseminar begangen wurde, standen passender Weise Wirtschaft und Zukunft im Fokus. Man erging sich in „langen Wellen“, knappen Ressourcen und modernen Arbeitsstrukturen, denn Erik Händeler, Journalist und „Zukunftsreferent“, war angetreten, den Anwesenden im gut gefüllten Saal seine Visionen von der sich wandelnden Arbeitswelt zu erläutern.

Eine runde Sache
Fast kein Stuhl war leer geblieben und so reckten die Besucher die Hälse, um den Grußworten von Dr. Simone Birkel, Ordinariatsrat Alfred Rottler und KLJB-Präses Matthias Blaha zu lauschen, die sich um den Haupt-Vortrag herum gruppierten. Simone Birkel gab sogleich einen Rückblick ins Jahr 1999: Die Zukunftswerkstatt Fiegenstall wollte ihre Ideen für nachhaltige Bildungsmodelle im speziellen und Werte für eine zukunftsfähige, global und regional verantwortliche Lebensweise im allgemeinen, unter die Leute bringen. Damals hatten sie sich unter anderem gefragt, in welche Richtung Bildung gehen kann und soll – ein Verweis darauf, wie gut Händelers Vortragsthema im hier und jetzt zu den Themenschwerpunkten des Fiegenstaller Forums, damals wie heute, passt. Glückwünsche und ein Lob für das Team des Forums kam von Seiten Alfred Rottlers: „Sie haben ein Gespür für die Fragen, die die Menschen bewegen.“ Präses Matthias Blaha würdigte das Forum als „Selbstläufer“ und brachte einen Zahlenvergleich: „Zehn Jahre bist du alt, Fiegenstaller Forum. Zehn Jahre, das ist eine runde Zahl – und du, du bist eine runde Sache.“

Organisation als Standortfaktor
Dann ging es schon in die Vollen: Erik Händeler führte die Anwesenden mit seinem Vortrag „Quo vadis? Bildung für die Zukunft“ in eine Welt aus Produktionsfaktoren und ständiger, wenn auch den Fortschritt vorantreibender, Knappheit ein. Bei Knappheit fällt sofort der Begriff „Rohstoffe“ – auch Händler kam gleich darauf zu sprechen. Allerdings ungewohnt entspannt. „Ich bin optimistisch, dass wir den aus der Verknappung der Rohstoffe entstehenden Wohlstandsverlust ausgleichen werden.“ Händeler ist also kein Verfechter eines Rückfalls in steinzeitliche Verhältnisse, wie oft in Szenarien medienwirksam beschworen wird – wie beruhigend. Die knappsten Güter stellen für ihn nicht Öl und Erze, sondern Gesundheit und Sozialverhalten dar: „Davon hängt der Wohlstand ab.“
Die Arbeit müsse sich wandeln, da der Mensch nicht mehr am vollständig technisierten Fließband Arbeit finden wird – er wird stattdessen koordinieren, beraten und organisieren. Das Lösen von Problemen stellt hierbei die Wertschöpfung in einer „gedachten Welt“, der Welt der Wissensgesellschaft dar: „Neue Arbeitsplätze werden dort entstehen, wo die Leute produktiv genug sind und Wissen zusammenführen können. Jeder ist dabei Experte auf seinem Gebiet, jedoch zählt nicht die Einzelleistung, sondern die Fähigkeit, zu kommunizieren und zusammen zu arbeiten.“
Händeler kennzeichnete zudem die durch die Lebensumstände steigenden Lohnnebenkosten als momentan größtes Problem für Unternehmer ebenso wie das Finden passenden Personals.

Lange Wellen kurz dargestellt
Besonders ging Erik Händeler in seinem Vortrag auf den russischen Volkswirtschaftler Nikolai Kondratieff ein. Nach seiner Theorie der langen Wellen lässt eine vorausgegangene Knappheit bestimmte Entwicklungen boomen, so kam nach der Erfindung der Dampfmaschine, durch die sich weitaus mehr Konsumgüter produzieren ließen, in nächster Konsequenz die Nachfrage nach geeigneten Transportmitteln und -wegen auf. Die Zeit war reif für die Entwicklung der Eisenbahn. Danach wurde im Weltenlauf die Verbreitung des elektrischen Stroms notwendig, des Autos, der Informationstechnik usw. Diese langen Strukturzyklen haben ihre jeweils eigenen Muster der Koordinierung: sowohl das Modell der Handelsschulen als auch das der Technischen Universitäten sind Kinder ihrer Zeit. Nun stellt sich die Frage, was in Zeiten der Medien- und IT-Berufe noch produziert wird. Händeler stellt klar: „Wenn im realen Leben keine Ressourcen mehr geschaffen werden können, da die Infrastruktur gesättigt ist, vollzieht sich die Wandlung zur Wissensgesellschaft.“ Mit Laptop und Mobiltelefon ausgestattet, arbeiten ihre Mitglieder effizienter: „Das Handy war ein weiterer Wachstumsmotor für die Gesellschaft. Allerdings bestand der Wachstumseffekt in der zusätzlich ermöglichten Arbeitszeit, nicht in den eingenommenen Telefongebühren.“

Gesundheit als Wachstumsmotor
„Die Beschleunigung des Lebens macht krank“, stellte Erik Händeler fest. Im Publikum wurde auffallend oft genickt. „Das Wachstum besteht also in der Gesunderhaltung der Gesunden. Wir können heutige Arbeitsverhältnisse nicht in die Zukunft hinein verlängern, das ist falsch, deswegen sind die Rentenrausschiebungen auch so unbeliebt.“ Ältere Menschen sollen in Zukunft zwar länger arbeiten aber grundlegend anders. Beispielsweise in 5-Stunden-Schichten. Außerdem brauchen sie immer neue Herausforderungen, „es wird ja nix mehr in die Bildung investiert bei denen!“ Händeler bekräftigte die Notwendigkeit der Stressreduzierung im Arbeitsstil. Die nächste Knappheit, um zu den langen Wellen zurückzukommen, sei die Knappheit an Zusammenarbeit. „Die Strukturen müssen anders werden, jetzt wo die Industrieschlachten vorbei sind,“ bekräftigte der Referent, „zumal die Wissensarbeit nicht mehr in produktiven Einheiten anzugeben ist.“ Es gibt nun neue Anforderungen: „Das Wissen wird anders werden, es muss mehr in die Bildung investiert werden – die Kinder werden auch mehr lernen müssen. Der wichtigste Standortfaktor der Zukunft wird sein, wie Menschen mit Wissen umgehen können."

Die Gummi-Hierarchie
Ein Strukturwechsel müsse natürlich her, den Informationsfluss hemmende Hierarchien müssen abgebaut werden. Überhaupt müsse mehr „von unten“ kommen: „Die Facharbeiter auf der unteren Ebene melden der Chefetage, was sie brauchen. Das sind schließlich die einzigen, die noch Durchblick haben!“ In Zukunft seien Gummi-Hierarchien gefragt, bei denen der eigene Status je nach Aufgabe und Auftragslage wechselt. Auch die Kirche müsse ihre Strukturen ändern.
Dieses Hierarchiemodell birgt Zündstoff. Ums es verwirklichen zu können, bräuchten wir eine höhere Streitkultur, eine bessere Balance zwischen Eigen- und Fremdnutz, so Erik Händeler. Er forderte eine dienende Kultur statt interner Machtkämpfe, was auch den Generationenkonflikt anspricht. „Das ist nicht mehr immer so mit dem 'sich hochdienen'. Die Jungen haben in neuen Ausbildungen neues gelernt, die Älteren sind erfahren und haben die besseren Kontakte. Wir müssen besser zusammen arbeiten können!“ Auch geschlechterspezifisch muss sich etwas tun: „Die Männer müssen ihre Wahrnehmung weiblicher Kommunikation ändern, die Frauen müssen sich besser präsentieren in der Wirtschaft.“

Ausklang in Sektlaune
Nach Händelers Vortrag, der lang anhaltenden Beifall erntete, war es an der Zeit, die Gründungsmitglieder des Fiegenstaller Forums auf die Bühne zu bitten und zu ehren. Mit Blumen, Musik von den Gebrüdern Breitenhuber, einem Ausblick auf das Programm 2011 und dem anschließenden Sektempfang wurden die fruchtbaren Bemühungen von Peter Riel, Hans Seibold, Martin Schneider, Tom Schmidt, Dr. Simone Birkel und Lisa Amon gewürdigt. Der Referent des Abends stellte sich inzwischen an seinem Bücherstand den weiteren Fragen der Gäste. Während er Widmungen schrieb („...jetzt sind Sie am Hebel!“) war noch Zeit für ein kleines Interview:

N.R.: Herr Händeler, wenn Sie auf Vortragstour sind, gibt es da eine Frage, die immer wieder kommt?
E.H.: Ja, die gibt es: 'Wird sich der Mensch wirklich bessern?'

N.R.: Und? Wird er's?
E.H.: Ja! Natürlich! Er ist ja schon besser geworden, je komplizierter das Leben wurde.

N.R.: Wo halten Sie die meisten Ihrer Vorträge?
E.H.: In der Wirtschaft, ich gebe Motivation!

N.R.: Wie kommen Ihre Thesen da an?
E.H.: Bei Vorträgen für große Konzerne machen die mich meist ziemlich fertig, weil Gummi-Hierarchien ihnen nun mal nicht gefallen. Schließlich sollen die Mitarbeiter nicht widersprechen.

N.R.: Denken Sie, dass Sie mit Ihren Vorträgen in manchen Firmen etwas bleibendes bewirken?
E.H.: Bei den meisten Firmen merke ich, dass etwas aufbricht, dass Hemmungen verschwinden, Dinge anzusprechen.

N.R.: Nun aber zum Fiegenstaller Forum: Eine Besonderheit daran ist ja, dass es Fragestellungen um Schöpfungsverantwortung vor dem Hintergrund aktueller Probleme und Diskurse nicht etwa wie gewohnt an einer Universität oder ähnlichem, sondern in der Provinz erörtert. Wie bewerten Sie dieses Unterfangen?
E.H.: Genial! Wenn nicht in der Provinz, wo dann? In einer Metropole ginge so etwas doch unter und das wäre schade. Auf dem Land hat man die nötige Ruhe und weniger Konkurrenz um die Aufmerksamkeit der Menschen, auch mehr Kontinuität. Und die stabilisiert wiederum das Land.

N.R.: Herr Händeler, vielen Dank für das Gespräch.



Nastasia Radtke

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